Es gibt eine Vorstellung von deinem Leben, in die Meditation wunderbar passt. Die Küche ist still, das Handy liegt woanders und du hast noch nicht in dein Postfach geschaut. Leider bringt in dieser Version selten jemand die Kinder zur Schule oder macht die Tür auf. Wenn deine Praxis auf diese Umstände angewiesen ist, kannst du lange damit beschäftigt sein, dich auf den Anfang vorzubereiten.
Um Zeit für Meditation zu finden, hilft zunächst eine kleinere, konkretere Frage: Wo könnte eine Pause in deinem tatsächlichen Alltag Platz finden? Vielleicht fünf Minuten nach dem Mittagessen, bevor du den nächsten Tab öffnest. Vielleicht auf der Bettkante, nachdem du die Vorhänge zugezogen hast. Es geht darum, dem Üben einen festen Platz zu geben. So muss es nicht jedes Mal mit allem anderen konkurrieren, wenn du gerade daran denkst.
Gib der Pause einen festen Platz
In einer Studie zur Gewohnheitsbildung im Alltag begleiteten Lally und Kollegen (2010) Menschen, die eine selbst gewählte Handlung beim Essen, Trinken oder bei einer körperlichen Aktivität in einem gleichbleibenden Kontext wiederholten. Die Handlung wurde allmählich automatischer, wobei es große individuelle Unterschiede gab. Eine verpasste Gelegenheit brachte den Prozess nicht wesentlich aus dem Takt. Das war keine Meditationsstudie. Die Übertragung ihrer Ergebnisse ist eine praktische Schlussfolgerung, keine wissenschaftlich geprüfte Anleitung zum Meditieren.
Hilfreich ist die Verbindung zwischen einem Anlass und einer Handlung. „Mehr meditieren“ verlangt jeden Tag eine neue Entscheidung. „Nachdem ich meinen Teller vom Mittagessen weggeräumt habe, setze ich mich für fünf Minuten ans Fenster“ klärt, wann, wo und was. Wähle einen Anlass, der sich bereits recht zuverlässig wiederholt. Eine aufwendige Morgenroutine taugt wenig als Anker, wenn jeder Morgen anders verläuft.
Achte morgen auf Übergänge statt auf Lücken. Etwa auf den Moment, in dem die Arbeit endet, du aber noch nicht richtig zu Hause angekommen bist. Oder wenn du eine Aufgabe abgeschlossen und die nächste noch nicht begonnen hast. Manche Übergänge bieten tatsächlich Raum; andere brauchst du für die Kinder, für Wege oder für nötige Erholung. Du suchst eine Gelegenheit, die sich umsetzen lässt. Nicht jede freie Minute muss der Selbstverbesserung dienen.
Mach das Anfangen leichter als das Abwägen
Eine fünfminütige Meditation kann ein erstaunlich langes Vorprogramm haben: Kopfhörer suchen, aufladen, die Bibliothek durchstöbern, drei Titel verwerfen, eine Nachricht lesen. Dann ist die Pause schon das nächste Projekt. Wähle die Meditation vor dem geplanten Zeitpunkt oder speichere eine, die du gern wiederholst. Lege die Kopfhörer dorthin, wo du sie nutzen wirst. Kleine Vorbereitungen können dir eine ganze innere Diskussion ersparen.
Wähle eine Dauer, die du an einem gewöhnlichen Tag gut freihalten kannst. Wenn es eine Minute ist, darf es eine Minute sein. Wenn du zehn Minuten hast, musst du sie nicht verkürzen. Eine kurze Pause ist ein leichter Einstieg, kein wissenschaftlich gleichwertiger Ersatz für jedes längere Programm. In diesem kleinen Versuch soll sie vor allem ermöglichen, überhaupt anzufangen.
Es hilft auch, dir klarzumachen, was diese Minuten ersetzen. Vielleicht öffnest du soziale Medien erst danach oder beginnst die nächste Aufgabe fünf Minuten später. Zeit für etwas zu schaffen bedeutet meist, etwas anderes zu verschieben. Wenn dein Tag schon voll ist, bitte jemanden, mit dem du dir Aufgaben teilst, um ein kleines geschütztes Zeitfenster. Eine Praxis, für die du im Stillen noch mehr Arbeit übernehmen musst, wird sich kaum erholsam anfühlen.
Plane auch die Rückkehr
Probiere in der nächsten Woche einen Anlass, einen Ort und eine gut machbare Dauer aus. Betrachte das als kleines Experiment mit deiner Alltagsgestaltung. Verpasst du die Pause nach dem Mittagessen immer wieder, weil du am Schreibtisch isst, wähle einen anderen Anlass. Bist du vor dem Schlafengehen zu müde zum Zuhören, ziehe die Pause vor. Ein Plan kann an der falschen Stelle im Alltag ansetzen, ohne etwas Grundsätzliches über deine Motivation auszusagen.
Wenn du einen Tag ausgelassen hast, mach bei der nächsten passenden Gelegenheit weiter. Du musst keine versäumten Meditationen nachholen. Du kannst dir längere Meditationen für Tage mit mehr Raum aufheben und an vollen Tagen kürzer üben, ohne die kurze Variante zum Trostpreis zu machen.
Mit der Zeit wünschst du dir vielleicht mehr Raum. Jetzt suchst du erst einmal einen Platz, an dem die Praxis ankommen kann. Wenn du den Laptop schließt oder die Vorhänge zuziehst, müssen die nächsten Minuten nicht außergewöhnlich sein. Sie müssen nur dir gehören.
Quellen
Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W., & Wardle, J. (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998–1009. doi:10.1002/ejsp.674
